Ich dichte was, was keiner liest

Das Dasein als Dichter, der gehört werden möchte, ist nicht leicht. Das weiß auch der Autor unseres Gastartikels: Artem Zolotarov.
Um seine Gedichte einem großen Interessenkreis zugänglich zu machen, hat er schon eine Reihe von Möglichkeiten ausgeschöpft.
Aktuell nutzt er die Vortragekunst des PoetrySlam. Doch ist das wirklich die Lösung?

Der Durchschnittsrezipient

Fragst Du zehn Menschen auf der Straße, was ihnen in den Sinn kommt, wenn sie an Poesie denken, werden sie wahrscheinlich auf Goethe, Schiller und Shakespeare zurückgreifen. Gedichte, die sie in der Schule lesen mussten, wie „Erlkönig“ von Goethe oder „Der Handschuh“ von Schiller (dieses Gedicht hat Schiller übrigens in einem Dichterwettstreit um die bessere Ballade gegen Goethe geschrieben), beschränken den Horizont eines durchschnittlichen Lesers, wenn er an Gereimtes und Poetisches denkt.

Und wie er winkt mit dem Finger,
Auf tut sich der weite Zwinger,
Und hinein mit bedächtigem Schritt
Ein Löwe tritt
Und sieht sich stumm
Rings um,
Mit langem Gähnen,
Und schüttelt die Mähnen
Und streckt die Glieder
Und legt sich nieder.

aus "Der Handschuh" von F. Schiller


Ergänzt werden diese Kategorien höchstens durch Postkartenlyrik, Hausfrauen-Philosophie, wie man sie in jedem Poesieforum zuhauf lesen kann oder Gangsta-Rap, wenn man beide Augen und Ohren zu drückt.
Aber ist das wirklich alles, was Dichtung und Sprachkunst heute zu bieten haben? Natürlich nicht, wirst Du dir als Antwort auf diese rhetorische Frage denken. Aber doch: Das ist alles! Alles weitere, all die Facetten und Besonderheit, all das wirklich Schöne und Starke, das Einzigartige und Erhabene, was Lyrik und Poesie über alle andere Schreibformen erhebt, existiert schlichtweg nicht in der Vorstellung des Durchschnittslesers.
Warum ist das so? Warum gelten Gedichte als langweilig oder kitschig? Warum werden sie immer seltener gelesen und noch seltener verstanden? Und die wichtigste Frage: Wie lässt sich das ändern?

Von Liebhabern bis Hobbypoeten

Zuallererst will ich die scheinbar aussichtslose Ausgangslage etwas relativieren. Natürlich gibt es noch Menschen, die ein gutes Gedicht zu schätzen wissen und sich auch die Zeit nehmen, um sich damit zu beschäftigen. Sie wird es auch immer geben, wie es schon immer Liebhaber von Häkeln und Stricken oder Finnischem Sporttauchen gab. Aber leider fristen sie ein Außenseiterdasein und werden von der großen Masse ignoriert oder höchstens belächelt.

    Gedichte
sind nicht massentauglich,
  nicht erst seit
    ein paar Jahren.


Versucht man als Dichter bei einem Verlag mit Lyrik unterzukommen, bekommt man in der Regel Absagen: „Lyrik verkauft sich nicht, tut uns leid. Aber versuchen Sie es doch einmal mit Liebesromanen oder Krimis.
Komischerweise gibt es immer mehr Freizeitdichter und Hobbypoeten, die ihre Ergüsse in verschiedenen Foren abtropfen lassen und unter Gleichgesinnten Speichelleckerei betreiben.
Es werden auch immer mehr Anthologien in die Welt gesetzt, wo sich die geballte Dichterkraft unseres Jahrhunderts versammelt, um über den Herbst oder die Liebe zu schwadronieren.
Natürlich bleibt das nicht unbemerkt und so tun sich immer mehr Scheinverlage auf, die jedem die Chance bieten, sein Buch zu veröffentlichen. Natürlich nicht ohne Eigenbeteiligung, die dann oft dreistellig und nur zugunsten des „Verlags“ ausfällt. Kurzum: Gutgläubige Leute werden nach Strich und Faden veräppelt und abkassiert, unter der Illusion, sie seien talentiert und ihr Buch der größte Wurf des Jahrzehnts. Ja, ein Wurf in den Mülleimer.
Die Möglichkeiten des Selbstverlags werden auch immer weiter vereinfacht, sodass jeder, der einen PC und Internetanschluss besitzt (und nicht einmal das: Internetcafé reicht schon), ein Buch veröffentlichen kann.

Kampf der Egomanen

So verschwimmt die Qualität in der demokratischen Quantität und das Buch verliert seinen Wert. Dabei wird auch deutlich: Jeder will gelesen werden, aber selbst lesen …
In unserer Gesellschaft wimmelt es nur so von Egomanen, die sich behaupten und hervorheben wollen, was aber nicht verwunderlich sein sollte: Wir werden schon mit dem Gedanken der Konkurrenz und des Kampfes aufgezogen. Wer einen guten Job haben will, muss dafür kämpfen. Wer etwas im Leben erreichen will, muss die Ellbogen ausfahren. Daran knüpft auch der modern gewordene Dichterwettkampf an: Der PoetrySlam.

PoetrySlam als Lösung?

Bei PoetrySlam geht es wirklich um die Texte, um die Poesie und das Miteinander. Da das Publikum aber nicht sehen will, wie sich ungewaschene Poeten gegenseitig Reime in die von Filzläusen befallenen Mähnen flechten, wurde der PoetrySlam als Wettbewerb verpackt.
Ist das der Weg für Poesie, um tauglicher für die Massen zu werden? Ein ganz klares: Jain.
Auf der einen Seite werden bei PoetrySlams ein paar sehr poetische und lyrische Texte aus der Versenkung des Schweigens ins Scheinwerferlicht geholt. Ob diese Texte ankommen, hängt aber zum großen Teil vom Dichter und seiner Vortragsweise ab. Selbst das beste Gedicht reicht nicht zum Sieg, wenn der Vortragende es schlecht präsentiert.
Auf der anderen Seite (die bis jetzt in Deutschland überwiegt) kommen Comedy-Texte zum tragen, die wenig oder gar nichts mit Poesie zu tun haben. Diese Texte erzielen auch oft die größere Wirkung beim Publikum und bringen dem „Poeten“-Komiker den Sieg. Dies führt wiederum dazu, dass neue Teilnehmer auch eher in die Comedy-Richtung gehen und auf poetische Texte verzichten. Und wieder zieht die Poesie den Kürzeren.

Doch als interessierter und motivierter Dichter, kann man einiges aus dem Format des PoetrySlams lernen:

  1. Poesie darf sich nicht verstecken. In einem Internetforum wird ein Gedicht kaum gelesen. Wenn Du den Mut hast, zu schreiben und dein Gedicht zu veröffentlichen, dann solltest Du auch den Mut haben, Dein Gedicht vorzutragen und Dich der kritischen Masse zu stellen. Der Vortrag gehört genauso zum Dichterwerk, wie das Schreiben. Beides kann geübt werden!
  2. Du traust Dich noch nicht mit Deinem Werk ans Publikum zu gehen? Macht nichts. Heutzutage stehen Dir sehr viele technische Möglichkeiten zur Verfügung: Ein Mikrophon ist für ein paar Euro gekauft, ein Bearbeitungsprogramm gibt’s sogar kostenlos. So kannst Du Deinen Gedichten eine Stimme verleihen, Videos zu ihnen machen und diese veröffentlichen. Dein Gedicht wird dadurch lebendiger, moderner und ansprechender.
  3. Lies gute Poesie! Es gibt mehr als Goethe, Schiller und Bushido. Wenn Du gut schreiben willst, musst Du Gutes lesen. Trau Dich auch mal an Texte, die Du nicht sofort magst oder verstehst. Informiere Dich über den Autor und mögliche Interpretationen. Wage einen Schritt außerhalb deiner ‚Komfortzone‘. Poesie ist das Ungewöhnliche. Ein Gedicht, das wie tausend andere ist, wird niemals auffallen.

Fazit

Das sind nur ein paar Ansätze, wie Poesie und Lyrik wieder beliebter und moderner werden kann. Letztlich hängt es immer vom Dichter – also von Dir ab, was Du aus Deinem Werk machst. Übung macht nicht immer den Meister, aber zumindest einen besseren Dichter aus jedem. Wettbewerb muss nicht immer negativ sein. Oft ist er sogar förderlich und motiviert zu neuen und besseren Leistungen. Schon damals bei Schiller und Goethe gab es gemeinsame Vorträge, Lesungen und Wettbewerbe und wer weiß, ob „Der Handschuh“ ohne solche Formate jemals entstanden wäre?



Artem Zolotarov schreibt seit 2010 Gedichte und hat bereits verschiedene Gedichtbände veröffentlicht. Auch im 1. Band der SternenBlick-Anthologie ist er vertreten.

Auf seinem YouTube-Kanal: koollookpoesie findet ihr vertonte Gedichte und aktuelle PoetrySlam-Auftritte von Artem. Wo ihr Artem das nächste Mal live beim PoetrySlam hören könnt, erfahrt ihr auf MySlam.net.



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Stephanie Mattner
Redaktion "SternenBlick"
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