Wie aus 11 Worten ein Gedicht entsteht

Poesie kann federleicht und einfach sein.
Ob als Übung der lyrischen Fähigkeiten oder als kleine Geste für zwischendurch.
Unser Gastautor Matthias Schmitt ist passionierter Elfchen-Schreiber und berichtet wie es dazu kam.

Lyrische Fingerübungen

Bestimmt hast Du schon einmal vom Haiku gehört, der aus Japan stammenden Form von Kurzgedicht, die auch in Europa viele Nachahmer gefunden hat. Vielleicht weniger bekannt, aber umso mehr zur Nachahmung einladend, da hierbei kein fernöstliches Silbensystem eingehalten werden muss, ist eine andere Art von Kurzgedicht: das Elfchen. Wegen der einfachen Form mit klaren Regeln kann praktisch jeder schnell eigene Elfchen schreiben, und sei es bloß als dichterische Fingerübung oder als kreative Beschäftigung für Kinder, die die Struktur auch schnell verinnerlichen und so zum schöpferischen Umgang mit Sprache eingeladen werden können. Ich selbst habe diese Gedichtform als junger Teenager in der Schule kennengelernt, und mich hat sie gleich bestochen und über die Deutschstunde hinaus dazu angeregt, zahlreiche Seiten mit eigenen Elfchen zu füllen.

 

Bevor ich die wenigen Regeln zur Form des Elfchens erläutere, sei hier zunächst einmal ein Beispiel gegeben, ein Elfchen, das ich zu Beginn meines Studiums für eine Freundin geschrieben habe:

Du
Mein Hafen
Tobt das Meer
Ruhe ich in dir
Freund

Was das Elfchen besonders macht

Findige Leser werden sofort erkannt haben, was dem Elfchen seinen Namen gibt: Es besteht aus genau elf Wörtern. Die Verteilung der Wörter auf die Verse ist festgelegt, d.h. im ersten Vers steht immer genau ein Wort, im zweiten stehen zwei, im dritten drei, im vierten vier und im fünften und letzten Vers steht wieder nur genau ein Wort. Das war im Grunde auch schon alles – wie gesagt: die Form ist einfach und schnell zu verstehen. Damals im Schulunterricht wurde uns allerdings noch eine weitere Regel vorgegeben, nämlich dass das erste Wort immer ein Adjektiv sein soll, während im zweiten Vers dann der Träger der genannten Eigenschaft anzugeben sei. Wie man sieht, habe ich in dem obigen Beispiel gegen diese Regel verstoßen ("Du" ist kein Eigenschaftswort), aber allzu streng muss man es ja auch wohl nicht halten, bzw. ein bisschen Variation nach eigenem Geschmack kann jedenfalls nicht schaden.


Zum Trost für meine damalige Deutschlehrerin Frau Klenke sei zum Abschluss noch ein zweites Beispiel gegeben, bei dem ich die zusätzliche Regel beachte:

Knapp
Das Elfchen
Weht es dich
An? Ein sanfter Hauch
Poesie

Und jetzt viel Spaß beim Verfassen eigener Elfchen!




Matthias Schmitt hat Literaturwissenschaft in Bochum studiert. Er interessiert sich für alle Ausprägungen von Kultur, insbesondere Literatur, Fotografie und Theater.

Über dieselben Themen betreut er unter Pseudonym den lesenswerten Kandisblog.





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Stephanie Mattner
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