Eigensinn mit Sinn - das Projekt wort:rausch

Wörter, Töne, Malerei, Fotografie und Stimmungen fliessen zusammen zu einer Einheit im Projekt 'wort:rausch'.
Im Interview mit SternenBlick verraten die beiden Künstler, warum sich Worte und Bilder wechselseitig bedingen
und weshalb künstlerische Unabhängigkeit unbezahlbar ist.

Im Rausch der Worte

Projekt wort:rausch überraschte mich in einer der diversen Gedichtgruppen bei Facebook mit ihren Texten, die eine ganz eigene Kraft haben. Hinter dem Projekt stehen zwei Künstler aus Norddeutschland und Wien, die im Rausch aus Worten, Bildern, Zeichnungen und Klängen immer wieder Neues schöpfen.
Ich freue mich, dass sie SternenBlick im nächsten Band der Anthologie unterstützen werden und mir in einem spannenden Interview mehr über ihre Kunst verraten haben:

SternenBlick im Interview mit 'wort:rausch'


Abgesehen von Eurem Herkunftsort, erfährt man wenig über die Personen, die hinter dem Projekt 'wort:rausch' stehen. Ist das eine ganz bewusste Entscheidung um hier das Projekt als solches wirken zu lassen?


wort:rausch: "Ja, es geht uns in erster Linie um die Arbeiten in Text, Foto, Ton. Der Dialog zwischen beiden Akteuren, die wechselseitige Beeinflussung, aber eben auch um die Spannung für den aufmerksamen Leser/Betrachter, der sich in diesen Dialog einbringen kann und sicherlich auch dann mehr Details zu den jeweiligen Personen erfährt. Eine Ausnahme bilden die Gemälde, die durch die Signatur eindeutig zuzuordnen sind."


Seit wann gibt es das Projekt, wie habt Ihr zueinander gefunden und was macht die gemeinsame Arbeit so fruchtbar?


wort:rausch: "Die Idee zum Projekt entstand vor etwa 3 Jahren, nachdem wir uns zufällig über unsere Texte gefunden hatten und darin eine ähnliche, aber doch im Detail und in der Umsetzung differenzierte, Sichtweise auf die Dinge um uns herum entdeckten. Diese Ähnlichkeit in der Sichtweise bildet die Basis für den Dialog, die Unterschiede, in der Wahl der Worte, der Perspektive bei den Fotos oder eben auch in der malerischen Umsetzung, sind die Grundlage für die Spannung in der Zusammenarbeit und beleben wechselseitig die Einzelarbeiten. So besteht das Projekt wort:rausch zu einem Teil aus gemeinschaftlichen Arbeiten, aber eben auch aus Einzelarbeiten, die jedoch aus dieser Zusammenarbeit ständig in Veränderung begriffen sind und davon in ihrer Entwicklung profitieren."


Ihr verwebt Malerei, Foto und Lyrik zu einer Einheit. Steckt Ihr beide zu gleichen Teilen in allen Details oder übernimmt einer den visuellen und der andere den textlichen Part?


wort:rausch: "Am Anfang bildete die Malerei eine Ausnahme, d.h. nur eine Person von uns malte, aber beide fotografierten und schrieben. Mittlerweile, und das ist ein eindeutiges Resultat der wechselseitigen Inspiration, sind wir beide in allen Bereichen zu gleichen Teilen tätig. Was auch den Vorteil hat, dass wir im Wechsel die unterschiedlichen Vorlagen des Gegenübers in einem anderen Stilmittel fortführen können. So schreibt einer einen Text zu einem Gemälde oder Foto des anderen oder umgekehrt entsteht aus einem Text des einen ein Gemälde des anderen. Darin liegt die Möglichkeit ein Thema besonders zu verdichten, einem visuellen Eindruck Worte hinzuzufügen oder eben die Worte um einen visuellen Eindruck zu erweitern. Etwas was wir als sehr spannend, inspirierend und dynamisch an dieser Form der Zusammenarbeit erfahren haben und aus dem bereits die einzelnen Segmente bild/haft und hör/bar entstanden sind."


Was bedeutet Euch Lyrik im Rahmen Eures Projektes? Welches Gedicht liegt Euch vielleicht ganz besonders am Herzen und warum?


wort:rausch: "Die Lyrik, die Worte, sind unsere Grundlage, nur das wir diese Verdichtung eines Eindrucks, eines Gefühls, einer Befindlichkeit, nicht immer nur und ausschließlich in unseren eigenen Worten wiedergeben, sondern sie auch mal dem Betrachter, wie bei unseren Fotoarbeiten oder Gemälden, "überlassen". Die Befindlichkeiten, die dieser visuelle Eindruck hinterlässt, nehmen ihre Gestalt in Form von Gedanken an und diese Gedanken werden zu Worten, wenn man sie sich bewusst macht oder/und anderen mitteilt. In vielen Fällen geben wir zu den visuellen Arbeiten eigene Texte, die eine Möglichkeit, eine Stimmung, schaffen, die aber nur so etwas wie ein Wegweiser sind und kein befestigter Pfad auf dem man sich bewegen muss.

Ein Lieblingsgedicht... da gäbe es sicherlich zwei oder drei, die uns besonders am Herzen liegen, aber eigentlich ist es immer das, was gerade noch in Wortfragmenten in Gedanken durch unsere Köpfe zieht, bevor es seine endgültige Form auf dem Papier gefunden hat.

Doch dieses Gedicht ist eines, das uns wirklich ganz besonders am Herzen liegt (und ist auch Titel unseres 2. Lyrikbandes):

Wer von uns Beiden

Weil ich keinen
Anfang sehe kein Ende
mich nimmt

lege ich andächtig
die Hände auf
dich deine
geheimen Augen
wie auf ein Denkmal

wer von uns beiden
ist nun der andere

wort:rausch


Ihr nutzt sehr stark Facebook um Euer Projekt einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wie sind Eure Erfahrungen?


wort:rausch: "Facebook, Google+, Youpic und eine Website sind die Mittel, derer wir uns im Web bedienen, um eine breite Öffentlichkeit zu erreichen. Der Weg über das Web ist nicht nur (zeitgemäß) erforderlich, sondern wichtig, da die Lyrik an sich einen schweren Stand hat. Sie ist in der Literatur, zumindest in der Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit und was aktuelle Lyrik angeht, eine Randfigur. Somit muss man alle Möglichkeiten nutzen, neben Lesungen und Ausstellungen, eine höhere Aufmerksamkeit zu erzielen und dabei sind diese Internetoptionen, selbst wenn man ihre Schwachpunkte berücksichtigt, eine gute und schnelle Möglichkeit unsere Inhalte und Anliegen zu transportieren."


Mehrere Bücher sind inzwischen im Rahmen Eures Projektes entstanden, die Ihr alle in Eigenregie produziert habt. Ist Euch diese Unabhängigkeit wichtig?


wort:rausch "Die Entscheidungsfreiheit in allen Belangen, inhaltlich, aber eben auch in der Gestaltung, ist ein Faktor den wir sehr schätzen. Wir sind beide sehr, nennen wir es mal, eigensinnige Menschen. Die Zusammenarbeit mit einem Verlag wäre ein Ziel wenn für alle Bereiche eine hohe Übereinstimmung, hinsichtlich der Umsetzung unserer Arbeiten, zu verwirklichen wäre - was bislang noch nicht der Fall gewesen ist."


Mit SoundCloud nutzt Ihr auch die Möglichkeit Eure Gedichte vertont zu präsentieren. Ist es für Euch nur ein weiterer Werbekanal oder eher eine Notwendigkeit um Eure Worte erlebbarer zu machen?


wort:rausch: "SoundCloud ist so etwas wie eine Vorstufe zu dem Segment hör/bar im Projekt, eine Testphase, die sowohl einen Werbecharakter hat, als auch Feedback liefert zu dem erwähnten Segment hör/bar, in dessen Rahmen ein Hörbuch geplant ist."


Was sind Eure Ziele mit 'wort:rausch' bzw. was sind Eure nächsten Pläne?


wort:rausch: "Neben dem erwähnten Hörbuch, arbeiten wir grade an einer englischsprachigen Übersetzung des letzten Lyrikbandes 'Sprungschicht', bereiten einen neuen Band zu einer anderen Thematik vor, wobei wir zeitgleich malen, fotografieren, schreiben - was so in unsere Köpfe kommt. Somit lässt sich nie ganz ausschließen, dass sich nicht doch noch ein ganz anderes Projekt vor die grade in Arbeit befindlichen 'schummelt'. Womit wir wieder bei der, bereits erwähnten und von uns so geschätzten, Entscheidungsfreiheit wären - oder auch bei der Eigensinnigkeit, je nach Betrachtungsweise."

Ich weiß noch was es sein wird

Ich weiß noch was es war
diese Zeit aus Flügeln und Gewissheit
die nie fällt
denn wohin kann sie fallen

vielleicht wird sie grau mit uns oder stirbt
zwischen Herz und Mund
deine Geisterhand über dem Kreis der Erde mein Freund
ist alles was ich ahnte

worauf wir unsere Hände legten und hofften
an den Wahrheitsrändern
und glaub mir ich weiß noch was es sein wird

wort:rausch


Ich danke 'wort:rausch' für das erhellende Interview! Schaut Euch gleich mal auf Ihrer Homepage um und entdeckt mehr von Ihren Gedichten, Gemälden und Fotos.



Stephanie Mattner ist Herausgeberin der Anthologie-Reihe SternenBlick
und hauptverantwortlich für das Projekt.

Mehr über Stephanie erfahrt ihr hier.






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Stephanie Mattner
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