Gedichte sind langweilig

Von der komischen Situation, wenn man Schüler mit Gedichten konfrontiert,
die nicht schon 200 Jahre alt sind und von dem, was dann passiert.
Ein Gastartikel von Patrick und Kevin Hattenberg - Autoren des Bandes "Hirnherbst".

Verstaubte Worte im Klassenzimmer

Ich denke, für die meisten von uns ist die folgende Situation nicht unbedingt unbekannt: Man sitzt in der Klasse und freut sich schon sehr auf den Schulschluss. Da es sowieso schon die letzte Stunde ist, hängt man mit dem Kopf schon ein wenig nach unten und träumt sich fort auf das gemütliche heimische Sofa, das mit all seinen verlockenden Gar-Nichts-Tuhereien schon nach einem ruft. Und dann kommt der langweilige Deutschlehrer daher, zertrampelt die im Geiste schon perfekt ausgemalte Schulschlussplanung und legt ein verstaubes Gedicht aus dem uralten Deutschbuch auf den Tisch.

Für die meisten von uns haben Gedichte in der Schule eher eine leidliche Bedeutung gehabt, die stark mit Unlust und Angst vor schlechten Noten zusammenhing.
Doch genau dies wollten mein Bruder und ich nun ändern.

Gemeinsam besuchten wir die Theodor-Litt-Schule in Neumünster, um dort unsere Anthologie „Hirnherbst“ zu lesen, die über den SternenBlick dieses Jahr erschienen ist. Doch anstelle uns vorne zu positionieren und die Schüler mit unseren Texten zu bombardieren, hatten wir uns eine andere Vorgehensweise überlegt.

Ein Workshop mit Erkenntnisgewinn

Gedichte sind etwas, was man fühlt. Gedichte sind etwas, was man lebt. Und für uns sind Gedichte auch etwas, an dem man arbeitet. Und so haben wir für die Schüler Dichter-Workshops vorbereitet, in denen die Schüler selber ein wenig die Verse auseinandernehmen und erleben konnten. Damit man ein Gefühl für das Fühlen von Versen bekommt. Denn auch das will erst einmal gelernt sein.

Es war und ist erstaunlich zu sehen was passiert, wenn die Schüler endlich mal einen Text von einem Autor lesen, der nicht schon lange verwest und in einer Holzkiste unter der Erde vergraben liegt. „Das macht das Gedicht irgendwie viel greifbarer“, hatte eine interessierte Schülerin zum Workshop gesagt. Und es gibt kaum etwas Interessanteres für einen Dichter zu sehen, als die unendliche Kluft zwischen dem, wie ein Gedicht von Lesern interpretiert wird und dem, wie man es selbst gemeint hat.

Nachdem wir die Schüler mit einem kleinen Fingerstubs in die richtige Richtung gebracht hatten, kam der Rest von ganz allein, als ob es ganz natürlich wäre, Gedichte zu interpretieren und Lyrik zu empfinden. Und obwohl so ziemlich jeder Schüler den Finger gehoben hatte, als wir sie fragten ob sie Angst vor Gedichten haben, machte es allen Spaß.

„Gedichte müssen nicht immer langweilig sein und diese waren wirklich spannend!“, sagte eine Schülerin am Ende der Stunde. Naja, Gedichte müssen wirklich nicht immer langweilig sein, wenn man etwas über den Tellerrand hinausschaut und auch einmal gewagte Themen anspricht, dann hat das einen belebenden Effekt.

Diese Schulstunde wird den Kindern sicherlich im Gedächtnis bleiben, wie uns.
Wir würden uns mehr solcher Worshops an Schulen wünschen, um Kindern frühzeitig an Dichtkunst heranzuführen.



Die Gastautoren Patrick und Kevin Hattenberg studieren in Kiel Psychologie. Gemeinsam haben sie in diesem Jahr den Gedichtband "Hirnherbst" bei SternenBlick veröffentlicht. Die spannenden Hintergründe zum Buch, findet ihr in unserem Blogartikel "Menschwerdung in Versform".






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Stephanie Mattner
Redaktion "SternenBlick"
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