Das Unaussprechbare darstellen

Schwierige Themen können auch in der Lyrik angesprochen werden, das beweisen
Tobias Hainer und Chris Moser in ihrem Gemeinschaftswerk "Galerie des Entsetzens".
Uns verraten die beiden Künstler mehr über die Hintergründe ihres Werkes, mit dem sie berühren und bewegen wollen.

Befreiung auf allen Ebenen

Tobias Hainer ist Autor bei SternenBlick und seit über 15 Jahren aktiv in der emanzipatorischen Tierbefreiung.
Zusammen mit dem österreichischen Künstler Chris Moser, der über seine Kunst hinaus politisch aktiv ist und sich stark für Tiere einsetzt, entstand die gemeinsame Veröffentlichung "Galerie des Entsetzens" (Bild, rechts).
Diese Komposition aus schroffen schwarz-weiß Zeichnungen und schnörkelloser Lyrik, umrahmt von roten Blutspritzern, die sich durch das Buch ziehen, schafft für den Leser eine verstörende Atmosphäre. Warum das für die Aussage des Werkes immanent ist und weshalb Lyrik hier eine besondere Rolle spielt, verraten uns Tobias Hainer und Chris Moser im Interview:

v.l. Tobias Hainer & Chris Moser (©Jacqueline Korber)
v.l. Tobias Hainer & Chris Moser (©Jacqueline Korber)

SternenBlick im Interview mit Tobias Hainer & Chris Moser


Wie kam Euch die Idee zu diesem Buch?


Chris: "Also die Idee dazu kam klar von Tobias, er hat den Kontakt zu mir hergestellt, was mich sehr gefreut hat!
Ich arbeite seit Mitte der 90er grafisch und plastisch; 2012 erschien mein erstes Buch, 2013 das zweite... Da war ich hocherfreut, 2014 zusammen mit Tobias den Bild- u. Gedichtband „Galerie des Entsetzens“ zu veröffentlichen!"

Tobias: "Da ich ich mich ja seit einigen Jahren in meiner Lyrik mit politischen und gesellschaftlichen Themen auseinandersetzte, kam irgendwann die Idee auf, sich dem Thema Mensch-Tier-Verhältnissen lyrisch zu nähern. Eigentlich lag das ja auch nahe, da ich seit vielen Jahren auch in der emanzipatorischen Tierrechtsbewegung aktiv bin. Damit habe ich quasi das versucht umzusetzen, was mir wichtig ist, nämlich Kunst und Politik zusammenzubringen."

Buchtrailer


Es sind sehr verstörende Bilder, Blutspitzer und das gesamte Layout folgt dem Titel "Galerie des Entsetzens". Schockieren statt berühren - welche Rolle hat der Leser?


Chris: "'Schockieren statt berühren' würde ich so gar nicht sagen wollen; 'schockieren UND berühren oder 'berühren ÜBER einen vorangegangenen Schockeffekt'.
Wie der Untertitel verrät, handelt es sich um 'Die ungeschminkte Wahrheit über Mensch-Tier-Verhältnisse'. Das ist selbstverständlich schockierend, aber nicht minder berührend.
Ich bin sicher, es braucht oftmals einen Schockeffekt, um die Betrachter*Innen aus ihrer anerzogenen Lethargie zu reißen! Den Schockmoment sehe ich sozusagen als Brecheisen hier diese ganze systemimmanente Bequemlichkeit aufzubrechen."

Tobias: "Das sehe ich ähnlich wie Chris. Für mich ist es auch kein Schockieren, denn was Chris in seinen Bildern und ich in meinen Texten beschreibe, ist traurigerweise ja eine Gewalt die für Tiere tägliche Realität ist, vor der die Menschen oft die Augen verschließen. Und das Stilmittel der 'Ästhetik des Hässlichen' ist auch bei Dichtern wie Benn oder Baudelaire nicht nur Selbstzweck und Schockelement, sondern beschreibt ungeschminkt die Schattenseiten unserer Zivilisation. Chris und ich haben dabei eine ähnliche Kunstästhetik. Kunst soll dabei nicht nur gefällig und entzückend sein, sondern einen ethischen und moralischen Anspruch haben, um Missstände unserer heutigen Gesellschaft aufzuzeigen um dadurch bei den Leser*Innen gedankliche Veränderungsprozesse hervorzurufen."


Was war zuerst Bild oder Text? Wie sah die gemeinsame Arbeit an dem Buch aus?


Chris: "Die Korrespondenz und der Austausch, fand hauptsächlich über E-Mail statt, was an dem Unstand liegt, dass wir weit voneinander entfernt leben (Ich lebe mit meiner Familie in Österreich, wo ich als Künstler, Autor und Aktivist arbeite und Tobias lebt in Hannover).
Wir sahen uns zum ersten mal live, anlässlich der Präsentation von 'Galerie des Entsetzens' in Berlin. Tobias trug vertonte Gedichte aus dem Band vor, während die Originalgrafiken aus dem Buch präsentiert wurden."

Tobias: "Es war so, dass ich schon vorher lyrisch zum Mensch-Tier-Verhältnis gearbeitet hatte und ich dann zusammen mit dem Herausgeber und guten Freund Andre Gamerschlag von 'die tiebefreier e.V' überlegt hatte, dass es interessant wäre, zu den Gedichten entsprechende Illustrationen zu haben. Andre vermittelte mir dann den Kontakt zu Chris Moser, dem ich einige Gedichte von mir per Mail schickte. Schnell stellte sich heraus, dass wir ästhetisch auf der gleichen Wellenlänge sind und unsere gleichberechtigte Zusammenarbeit war geboren.
Und es war so, dass Chris sich an einigen Gedichten grafisch orientiert hat, aber ich auch umgekehrt neue Gedichte für einige von Chris Grafiken geschrieben habe."


Warum habt ihr Euch bei dem starken Thema für die lyrische Form entschieden?
Könnte eine andere Textform (z.B. Essay) nicht evtl. mehr Leser erreichen?


Chris: "Es gibt ja zum Glück grundsätzlich bereits ein breites Spektrum an Auseinandersetzungen mit diesem wichtigen Thema. Nicht zuletzt meine beiden Bücher „Die Kunst Widerstand zu leisten“ (Kyrene 2012) und „m.E“ (meines Erachtens) (Kyrene 2013).
Ich denke es ging hier schon auch darum, eine Nische zu besiedeln, welche sich bisher kaum mit diesem Thema befasst hat, oder Tobias?"

Tobias: "Wie Chris richtig festgehalten hat, gibt es schon einen breiten Fundus an verschiedenen theoretischen Auseinandersetzungen zu diesem Thema. Und für mich war da die Idee sich dem Thema 'Mensch-Tier-Verhältnis' auf einer anderen Ebene zu nähern. Ich glaube die lyrische Form bietet eine ganz andere Möglichkeit. Während ein Sachtext eher das rationale Denken anspricht, vermittelt Poetik auf sinnlich Weise Inhalte. Lyrik näherte sich dabei als Gefühltes auf der emotionalen Ebene, um dort zu berühren. In meinem Lyrik/Musikprojekt „Amortisation“ bringe ich auch düster-athmosphärische Gitarrenklänge und Text zusammen. Zuhörer*innen berichteten mir, dass sie es als ein intensives Hörerlebnis wahrgenommen haben und sie es interessant fanden, sich mit diesem Thema in dieser Art und Weise auseinanderzusetzen."


Welches Gedicht würdet Ihr für Euch als zentral für das Buch/die Aussage sehen und warum?


Tobias: "Sicherlich das Gedicht „Galerie des Entsetzens“, das ja auch der Titel des Buches geworden ist. Das Gedicht bringt die Thematik kurz und knapp ohne viele Schnörkel auf den Punkt. Dennoch ist es schwer zu sagen, die Gedichte und Grafiken zeigen alle verschiedene Aspekte der Tierausbeutung. Ausserdem haben die Gedichte (und auch die Bilder) jedes für sich, durch ihre verschiedenen Rhythmiken, Wortspiele und Metaphern ihren Reiz. Mit einem zeitlichen Abstand - das kann sicher jeder wissen, der künstlerisch arbeitet - gibt es Gedichte, die ich heute noch als gelungen finde und manche andere eben nicht mehr so ganz."

Galerie des Entsetzens
im fensterlosen Inneren
an die Grottendecke projiziert

Es hallen
in tiefer Schreckensnacht
Schreie getriebener Bestien
im Takt der Todessinfonie

Mechanisch gleichförmig
Element eines geordneten Gefüges
exakt der Einschnitt

Todesgrau funkeln
Umrisse von Körperfragmenten
makaber die geschichtslosen Leichname

Abstrakter Aggregatzustand
himbeerrot verziert
mit Sternchen aus Blutstropfen

Tobias Hainer liest Live "Galerie des Entsetzens"


Wieviel Mitbestimmung hatten die einzelnen Beteiligten am jeweils anderen Part?


Chris: "So wie ich das erlebt habe, merkten Tobias und ich schon ganz am Anfang, dass wir hier sehr ähnlich ticken; was Sichtweise und ästhetisches Empfinden betrifft. Ich hatte den Eindruck, ich arbeitete völlig frei, weil Tobias mir vertraut hat. Ich hoffe, umgekehrt empfand er das genauso."

Tobias: "Da kann ich Chris nur zustimmen. Von Anfang an, hatte auch ich das Gefühl, dass das einfach gut passt und wir ähnliche Vorstellungen haben. Es war für uns beide ein ziemlich freies Arbeiten, wobei wir den anderen völlig vertraut haben und wir so beide unsere Kreativität frei ausleben konnten.
Und sowohl vom Herausgeber Andre Gamerschlag von die 'tierbefreier e.V.', als auch vom Verlag hatten wir künstlerisch völlig freie Hand."


Mit welchem Impuls soll der Leser aus Eurem Buch gehen?


Chris: "Wie Eingangs betont, geht es hier um 'Die ungeschminkte Wahrheit über Mensch-Tier-Verhältnisse'. Ich finde grundsätzlich die Auseinandersetzung mit dem Themenbereich sehr wichtig. Reflektieren, Schlüsse daraus ziehen und im besten Fall Konsequenzen. Wo liegen die Möglichkeiten der/des Einzelnen hier Sand im Getriebe dieser Ausbeutungsmaschine zu sein?"

Tobias: "Das Buch soll die ungeschminkte Wahrheit anschaulich machen. Es soll durch sinnliche Vermittlung das Unvermittelbare, Undarstellbare und Unaussprechbare darstellen. Das Werk soll Gefühle ansprechen, bewusst machen, zum Nachdenken anregen und zum eigenen Handeln aktivieren. Ich möchte dieses Interview mit einem Zitat von Ernst Toller beenden:

"Auch fragen wir uns oft:
kann Kunst die Wirklichkeit beeinflussen?
Kann der Dichter vom Schreibtisch her
Einfluß auf die Politik seiner Zeit gewinnen?
Es gibt Autoren, die diese Frage verneinen,
ich bejahe sie.
Kunst hat magische Wirkung."


Ich danke Tobias und Chris für das Interview.
Besucht auch die Homepage von Chris Moser:
www.radikalkunst.net

und erfahrt mehr über das Lyrikprojekt Amortisation von Tobias Hainer.

Wer mehr über die Tierrechtsorganisation "die tierbefreier e.V." erfahren möchte,
besucht deren Webauftritt unter: www.tierbefreier.de

Alle Aufritte der beiden Künstler, könnt ihr der Facebook-Seite zum Buch entnehmen.



Stephanie Mattner ist Herausgeberin der Anthologie-Reihe SternenBlick
und hauptverantwortlich für das Projekt.

Mehr über Stephanie erfahrt ihr hier.








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Stephanie Mattner
Redaktion "SternenBlick"
Postfach 20 01 41
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